Würfeln ist in…




Dass dieser Satz mal auf mich zutreffen würde, daran hätte ich im Leben nicht geglaubt. Reine Würfelspiele sind eigentlich nie mein Ding gewesen. Stundenlanges KNIFFELN, KLAPPENSPIEL, WARUM IMMER ICH?, CHICAGO oder wie sie alle heißen ist mir eher ein Gräuel. Sicher gab es auch hier immer mal bestätigenden Ausnahmen, VOLLE LOTTE oder KNATSCH (beide von Abacus) sollen an dieser Stelle mal als Beispiele herhalten.
Den ersten wirklichen Bruch mit der Regel „Würfelspiele sind pfui-bah“ gab es mit HECKMECK IM BRATWURMECK (Zoch-Spiele). Dieses Spiel zählt nach wie vor zu den besten Kampf-KNIFFEL Varianten. Durch Würfelwurf muss man an Dominoähnlichen Steine kommen, möglichst die mit den vielen abgebildeten Bratwürmern. Allerdings können diese von unseren Mitspielern auch wieder entwendet werden oder wenn ich eine Niete gewürfelt habe, muss ich glatt wieder einen zurückgeben. Dann tauchte noch UM KRONE UND KRAGEN (Amigo) auf, welches auch schon in die richtige Richtung ging. Mit dem Würfelergebnis konnte man Personenkarten bekommen, die einem Vorteile verschafften (mehr Würfel zur Verfügung, Würfel einstellen und einiges mehr) Mit diesen Mitteln muss man sich durch eine Pyramide der Hierarchie durcharbeiten, um letzt endlich den König oder die Königin zu gewinnen. Je höher man in dieser Pyramide vordringen wollte, desto schwieriger wurde es natürlich.
Doch nun hat sich das Würfelspiel in einem Quantensprung weiterentwickelt, so dass ich glatt einen Spielabend auch nur mit Würfelspiele über die Runden bringen kann.
Fangen wir mit ALEA IACTA EST (Alea) an.
Dies ist zwar eher ein Beispiel dafür, wie man ein solches Spiel verkomplizieren kann, aber den Grübelfaktor empfand ich hoch genug, um ruhig mal einen Blick darauf zu werfen. Auf einer Auslage von verschiedenen Gebäuden werden, je nach Gebäude, eine Anzahl Würfel platziert. Wer die beste Auslage in einem Gebäudefeld hat, bekommt etwas dafür, dies können Patrizier, Provinzen, Senatskarten oder Sonderplättchen sein. Durch die Kombination von Patrizier mit farbgleichen Provinzen kommt man an Siegpunkte. Da niemand gezwungen ist, alle Würfel auf einen Schlag einzusetzen, kann man natürlich auch pokern, dass später ein besserer Wurf gelingt (man muss nur wenigstens einen Würfel einsetzen). Falls man allerdings zu sparsam mit seinen Würfel umgeht, kann doch plötzlich Hektik aufkommen, da ein Spieler alle seine Würfel verbraten hat und ich mit meinem nächsten Würfelwurf leben muss. Der Knackpunkt sind die Senatskarten. Diese sorgen für Extrapunkte am Schluss. Allerdings hat Alea sich für eine Piktogrammdarstellung (gänzlich ohne Text) entschieden, die sich einem nicht gleich erschließt. Da aber nur ein Übersichtsblatt über die Karten vorhanden ist, sorgt dies für ständige Unruhe („Wo ist den das Übersichtsblatt? Kann ich’s mal haben?“) Und diese Karten bringen noch einen unnötigen Schuss Glück mit ins Spiel, da sie erst am Ende des Spiels aufgedeckt werden. So puzzelt jeder für sich und versucht zu seinen Karten eine möglichst positive Sammlung an Patrizier und Provinzen zu gewinnen. Also, Grübelfaktor und Fingerknabbern ist drin aber wenig Interaktion
Aber es geht auch anders. Da haben wir DICE TOWN (Asmodee), ein Zockerspiel allererster Güte.


Etwas ungewöhnlicher kommen schon mal die Würfel daher. Es handelt sich hierbei um Pokerwürfel. Diese haben Kartensymbole von 9 bis As, an Stelle der Zahlen. Jeder bekommt 5 Würfel und einen Würfelbecher. Würfeln, geheim anschauen und dann entscheiden, wie viele Würfel man behalten möchte. Einer ist umsonst, jeder überzählige muss mit einem Dollar bezahlt werden. Wenn Sie der Meinung sind, dies war der mieseste aller miesen Würfelwurfe, dann zahlen Sie einen Dollar und werfen noch mal alle neu. Nach der Entscheidung decken alle ihre Becher auf. Die restlichen Würfel kommen in den Becher und eine neue Runde beginnt. Dies geht solange, bis ein Spieler keine Würfel mehr hat, dann dürfen alle anderen Spieler noch einen Würfelwurf nutzen und wir schreiten zur Auswertung.
Die Neunen sind für die Goldnuggets (Siegpunkte) zuständig, die Zehnen sagen, wer das Geld (Mittel zum Zweck und Siegpunkte) aus der Bank kassiert, mit den Buben kommen Sie an den Laden in der Stadt heran. Dort finden Sie Aktionskarten oder Siegpunktkarten. Mit den Damen dürfen Sie sich bei den Karten eines Mitspielers bedienen. Der König klärt, wer Kalif an Stelle des Kalifen wird. Unsinn, natürlich wer Sheriff wird. Bei allen Entscheidungen gewinnt natürlich derjenige mit den meisten Neunen, Zehnen usw. Der Sheriff entscheidet bei Unentschieden, wer gewinnt. Dann geht es in das Rathaus, dort gewinnt der beste Pokersatz. Die Reihenfolge ist zur Hilfestellung auf der Kartenrückseite der Besitzrechte abgedruckt. Und bevor Sie ganz leer ausgehen, kommen Sie noch zum Doc. Das Spiel ist beendet, wenn alle Goldnuggets oder Besitzrechte verteilt wurden. Der Spieler mit der höchsten gesammelten Punktzahl aus Nuggets, Geld, Besitzrechte und Ladenkarten gewinnt. Hier ist Stimmung am Tisch angesagt. Es wird gezockt, geflucht und gejubelt, wenn der letzte Wurf doch noch klappt. Da man nach jedem Würfelwurf sieht, worauf die anderen Spieler eventuell hinaus wollen, kann man sich noch durchaus darauf einstellen. Aber spätestens, wenn jemand für seinen Würfelwurf bereit ist viel Geld zu investieren, um mehrere Würfel zu behalten, wird der Druck deutlich größer und schweißtreibender.
Aber richtig, richtig, richtig gut ist ROLL THROUGH THE AGES (Gryphon Games), ein Zivilisations-KNIFFEL. 
Jeder bekommt einen Anschreibbogen auf dem gebaute Städte oder Monumente, geleistete Erfindungen und Katastrophen festgehalten werden. Je nach Anzahl der Städte (zu Beginn 3, maximal 7) bekommt man eine entsprechende Anzahl an Symbolwürfel, drei Mal würfeln und auswerten, das ist schon das ganze Spiel. Mit den Würfeln bekommt man Arbeiter (braucht man zum Bau von Städten und Monumenten), Nahrung (verbrauchen die Städte, jede Stadt eine Einheit, hungern die Städte gibt es Minuspunkte), Waren, Geld (wichtig für die Erfindungen) oder Totenköpfe (zuständig für Katastrophen). Totenköpfe muss man immer bei Seite legen, bieten aber auch immer 2 Waren auf derselben Würfelseite und bei drei Totenköpfen betrifft ja die Katastrophe die lieben Mitspieler. Da eine bestimmte Anzahl von geleisteten Erfindungen oder gebaute Monumenten das Spielschlusskriterium sind, stehe ich ständig im Stress, ob ich alles schaffe, was ich mir vorgenommen habe. Die Erfindungen sorgen für Bonusfähigkeiten, wie mehr Futter oder Waren bekommen, Katastrophen abwehren usw. Und das ganze Spiel dauert 20-30 Minuten, ist für 1-4 Personen geeignet. Meistens spielt man noch 1, 2, 3 Partien hinterher, weil man doch endlich nur dieses Monument mal bauen will oder diese Erfindung mal probieren möchte und eigentlich kann man das doch noch ganz anders spielen. Und da die zweite Auflage jetzt endlich auch mit vernünftigen Würfel und Brettern kommt, ist es uneingeschränkt zu empfehlen. Ach, habe ich etwa vergessen zu erwähnen, dass Sie mit diesem Spiel Holzwürfel und 4 Holzbretter erwerben. Die Bretter werden zum Buch führen für die verschiedenen Waren benötigt. Auf www.boardgamegeek.com finden Sie auch eine komplette deutsche Übersetzung und eine Variante mit neuen Anschreibbogen zum Ausdrucken. Apropos Boardgamegeek, geben Sie doch mal spaßeshalber in der Suchoption AGRICOLA EXPRESS ein und schon werden Sie auf einen ganzen Fundus von anspruchsvolleren Würfelspielen zum selber basteln treffen.
Und während ich diese Zeilen noch schreibe, ist auch schon das nächste Spiel aufgetaucht, RA THE DICE GAME (Abacus). 
Hier wird Knizias altes RA von Alea bewürfelt. Über Symbolwürfel werden entsprechende Spielfelder mit Spielsteinen besetzt. Die Wertung entspricht dem Original. Hat man viele Felder besetzt, bekommt man Pluspunkte, sind es zu wenig Felder, gibt es Minuspunkte. Der Versteigerungsmechanismus der Alea-Ausgabe fällt natürlich weg. Da wir aber auf einen gemeinsamen Spielplan einsetzen und manche Felder, abhängig von der Spielerzahl, nur durch eine Anzahl Spielsteine besetzt werden können, hat man genug Zeckmöglichkeiten. Das Spielflair ist schon deutlich anders als beim Original, auch wenn man um dieselben Wertigkeiten spielt. Die Katastrophen kommen deutlich weniger vor, da man dafür schon 4-5 Sonnen auf 5 Würfel zusammen bekommen muss. Die Mitspielerzahl hat sich von 3-5 Spieler auf 2-4 Spieler geändert. Wenn man den Originalpreis sieht und einen Blick in die Schachtel riskiert, zuckt man schon ein wenig zusammen, aber zu unserem Angebotspreis darf man schon einen zweiten Blick riskieren.