Spielabend, 01.05.
Selbst zur besten Hochsommerzeit war es noch nie so leer gewesen in der großen Spielhalle… Nur Nikolaj und Deniz hatten Zeit. So legte ich ein reines Dreierspiel auf den Tisch, “After the Flood” von Martin Wallace. Beim Stöbern im Archiv zeigte sich, dass wir es vor drei Jahren das letzte Mal spielten… Mein alter Plan, jedes Spiel der Kammer wenigstens einmal im Jahr zu spielen muss dann wohl einem Fünfjahresplan weichen… “After the Flood”, im alten Mesopotamien angesiedelt, ist ein vielschichtiges Aufbauspiel. Handelsstrukturen errichten, Mehrheiten im Getreide- und Textilgewerbe erzeugen, sowie mit gut ausgestatteten Armeen eine punkteträchtige Menge an Gebieten zu erobern, das sind die Eckpfeiler dieses Spiels. Eine Partie benötigt es schon, die Zusammenhänge zu erfassen und abzuschätzen, inwieweit mit den Ressourcen zu haushalten ist . In unserem Rhythmus wäre da ein ordentliches Langzeitgedächtnis gefragt! Der verwöhnte Deniz maulte rum, um seine sachlich fundierte Kritik knapp zusammen zufassen, ja und der Nikolaj machte sich nach der Hälfte der Partie vom Acker, bestreitet aber, es hätte mit dem Spiel zu tun… Ich will ihm mal glauben. Fazit: So richtig sehr gut ist “After the Flood” nicht, aber auch nicht richtig schlecht!
Deniz ließ sich anschließend noch zu einem “1960: The Making of the President” überreden. Dieses Spiel erschien 2007 und ist in Deutschland nur wenig bekannt. Dies hat verschiedene Gründe. Rein englischsprachige Spiele haben im Massenmarkt nur einen schweren Stand. Des weiteren ist der Verlag, Z-Man Games, nur in ganz wenigen Geschäften zu finden. Zu guter Letzt ist das Thema, der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf des Jahres 1960 wenig mehr, als für historisch Interessierte spannend. Der Coautor Jason Matthews dürfte etwas bekannter sein, zeichnet er sich doch, auch wieder als Coautor, für “Twilight Struggle” aus, welches erst vor einigen Tagen in der deutschen Fassung erschien. In den Grundzügen haben beide Spiele Gemeinsamkeiten, Aktionsmotor sind die Handkarten der Spieler und es geht um Mehrheiten. 1960 ist vielleicht etwas einfacher und sicher auch rascher überschaubar und in kürzerer Zeit spielbar. Die letzten sechs Wochen, die heiße Phase des Wahlkampfes 1960 zwischen John F. Kennedy und Richard M. Nixon sind das Thema dieses Spiels. Sieben Spielrunden hat jeder Spieler Zeit mit Hilfe seiner ausgespielten Karten auf dem Spielplan, der die Bundesstaaten der USA zeigt, Mehrheiten für seinen Kandidaten zu schaffen. Die Karten haben jeweils einen Punktwert, mit welchem ich in den Staaten Wahlkampf mache und Marker meiner Farbe setze, oder ich nutze das historische Ereignis, was natürlich auch wieder auf die Mehrheitenbildung hinaus läuft, oft aber mich mehr Marker einsetzen lässt, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Zum Beispiel die Karte: “Fifty Stars”. Sie nimmt Bezug auf die erstmalige Teilnahme der Staaten Hawaii und Alaska an der Wahl zum Präsidenten. Welcher Spieler mehr Einfluss auf diese Staaten hat, kann fünf Marker auf beliebige Staaten verteilen. Normalerweise erlauben die Punktwerte den Einsatz von zwei oder drei, bestenfalls vier Marker, gekoppelt an der Region, in welcher sich der eigene Kandidat gerade aufhält. Viele Karten ermöglichen nur dem genannten Kandidaten einen Vorteil. Über besondere Zusatzmarker kann ich diese auf der gespielten Karte meines Gegners trotzdem nutzen. Viele habe ich davon nicht und muss gut haushalten damit. Die großen Fernsehdebatten tauchen als eigene Phase im Spiel auf. Zusätzlich verschafft das Besetzen der wichtigen innenpolitischen Themen Verteidigung, Bürgerrechte und Wirtschaft besondere Vorteile. Einflussnahme auf die Medien des Landes ist ebenso nicht unwichtig. Wir schenkten uns nichts und es war hochnotspannend! Die Staaten sind unterschiedlich gewichtet, so bringt eine Mehrheit in Oklahoma acht Stimmen, in New York fünfundvierzig. Deniz konzentrierte sich auf die großen Zentren New York, Texas, Pennsylvania und California und sicherte dort seine Mehrheiten deutlich. Ich klapperte die Kleinstaaten ab und plante in der Schlussrunde noch Kalifornien auf meine Seite zu ziehen. Das hätte auch fast geklappt, die Bewohner waren nach meiner letzten intensiven Bemühung auch komplett von Kennedy abgefallen, nur leider kontrollierten die Demokraten alle Fernsehkanäle des Landes und da steter Werbetropfen bekanntlich den Stein höhlt, fiel Kalifornien doch an Kennedy, Deniz gewann und drei fesselnde Stunden lagen hinter uns!